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Ich habe Freitagabend zufällig erfahren, dass meine Grundschullehrerin gestorben ist, schon vor einem Jahr und ich wusste das nicht. Das fühlt sich gerade sehr komisch an, ich kann es noch gar nicht wirklich fassen. Diese Lehrerin war so ein wunderbarer Mensch, so eine herzensgute Frau, eine Lehrerin mit Leib und Seele und eine begnadete Künstlerin, die uns auch als wir schon im Gymnasium waren, immer noch auf ihre Ausstellungen eingeladen hat.

Ich weiss noch, wie einmal ein Kind sie fragte, ob sie eigene Kinder hat und sie ganz fröhlich geantwortet hat, nein, aber sie braucht auch kein eigenes Kind, sie hat ja uns und das klang so ehrlich und so liebevoll, dass mir dieses Szene bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Ich habe heute noch in einem Karton den Brief, den sie uns allen damals schrieb, als wir nach der vierten Klasse weggingen. Dieser Brief, der uns in die große weite Welt entlassen sollte und in dem man die Wehmut in jeder Zeile herauslesen konnte, obwohl sie versucht hat, sich und uns Mut zu machen, unseren Weg weiterzugehen. In dem so wunderbar  zusammengefasst war, was wir in den zwei Jahren alles zusammen erlebt hatten und wie wir uns entwickelt hatten, der gleichzeitig auch Hoffnung für die Zukunft machte.

Ich weiss noch, wie sie uns im Kunstunterricht allen die Lineale wegnahme und dabei habe ich auch jetzt gerade noch im Ohr, wie sie sagte: „In der Kunst gibt es keine geraden Linien. Jede Linie, auch wenn sie noch so krumm und schief ist, ist Kunst. Gerade Linien gibt es nur in der Mathematik.“ und wie sie damit bis heute mein Kunstverständnis beeinflusst hat.

Ich weiss noch, wie ich und eine Freundin uns mal im Schullandheim morgens vor dem Frühstück heimlich aus dem Schullandheim stahlen, um im See zu schwimmen und wie bereits kurze Zeit später unsere Lehrerin mit hochrotem Kopf angerannt kam, um uns wieder zurück ins Heim zu bugsieren. Diesen Schrecken in ihrem Gesicht habe ich bis heute nicht vergessen, wie ich mich dafür geschämt habe auch nicht.

Ich weiss noch, wie ich ein paar mal mit ihr frühstücken war. Damals gab es gegenüber von der Schule ein kleines Restaurant und ab und zu ging unsere Lehrerin dort in der Pause mit einem oder zwei Kindern extra frühstücken, manchmal weil es etwas zu besprechen gab, manchmal aber auch einfach nur so oder weil jemand sich das gewünscht hatte. Und dann redeten wir einfach so über alles mögliche. Das war jedesmal so ein besonderer Moment, dass ich mich schon die ganze drei Unterrichtsstunden davor auf nichts wirklich konzentrieren könnte.

Liebe „Kohle“ (so durften nur wir Kinder Dich nennen, manchmal), obwohl und gerade weil wir uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben, trifft es mich gerade umso härter, dass Du jetzt nicht mehr da bist. Ich habe jedes einzelne Mal, wenn ich an meiner alten Schule vorbeigelaufen bin an Dich gedacht und ein oder zwei Mal bin ich sogar rein zufällig an der Schule vorbeigelaufen und hab an Dich gedacht und wie durch Gedankenübertragung ging plötzlich die Tür auf und Du kamst raus. Und daher ist es auch kein Wunder, dass heute, als ich an der Schule vorbeiging, ich mir ein paar Tränchen nicht verkneifen konnte.

Ich werd Dich nicht vergessen.

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Ein Kommentar zu „.

  1. Das hast du sehr schön beschrieben. Ich überlege schon seit Wochen hin und her, ob ich meinem Grundschullehrer aus der 3./4. Klasse nicht mal einen Brief schreiben soll. Auch wenn er sich sehr oft unbeliebt bei uns gemacht hat, mochte ich ihn eigentlich trotzdem sehr gerne und er hat mir vieles beigebracht. Er ist nun schon seit einigen Jahren pensioniert und vielleicht freut er sich über ein kleines Danke, wobei ich natürlich nicht weiß, ob er sich noch an mich erinnert, da ich ihn das letzte Mal vor über 10 Jahres gesehen habe. Du hast mich jetzt auf jeden Fall nochmal in meinem Vorhaben bestärkt. Und „Kohle“ würde sich über deine Zeilen sicherlich auch sehr freuen.

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