Liebe Logopädin

wir haben uns in der Jugendherberge in der Unterholzstadt getroffen und ich kenne nicht einmal Deinen vollständigen Namen, sonst würde ich Dir jetzt wahrscheinlich einen Brief oder eine Email schreiben. Ich habe lange überlegt, aber ich muss hier aufschreiben, wie wir uns begegnet sind, weil es mich so unglaublich berührt hat und weil ich Dir so unendlich dankbar bin und weil ich dieser Dankbarkeit irgendwie Ausdruck verleihen möchte, auch wenn Du das vermutlich niemals lesen wirst.

Ich kam abends nach dem Treffen mit Frau Unterholz zurück ins Zimmer in der Jugendherberge und sah Dich und unsere dritte Mitbewohnerin, eine junge Studentin. Du bist soweit ich mich erinnere in den Vierzigern, Du warst äußerst sympathisch und als wir anfingen, uns zu unterhalten und Du sagstest, Du seist Logopädin, da ist mir wirklich für einen kleinen Moment das Herz stehengeblieben. Ich habe natürlich sofort angefangen, Dich auszufragen, schließlich interessiere ich mich seit Jahren für Logopädie und überlegte auch bis vor kurzem noch, einen Aufbaustudiengang, eine Ausbildung oder etwas ähnliches in Logopädie auf mein Studium draufzusetzen. Ich dachte bis vor kurzem noch, das sei ein Traumberuf, schlecht bezahlt, das wusste ich, aber ein Traumberuf. Ich könnte mit Sprache arbeiten und mit Kindern und falls das jemals langweilig werden sollte, werden Logopäden ja auch noch in vielen verschiedenen anderen Bereichen gebraucht.

Du hast mir erzählt, dass Du drei Tage die Woche in Hamburg arbeitest, dass Du Patienten mit Kehlkopfkrebs behandelst und dass Dir das sehr viel Spaß macht. Du hast aber auch gesagt, mehr als vier bis fünf Patienten pro Tag schaffst Du nicht, nicht mehr in Deinem Alter. Also pendelst Du jede Woche, jede einzelne Woche für zwei Tage in die Unterholzstadt und unterrichtest dort Logopädie. Die Nacht dazwischen übernachtest Du in der Jugendherberge und Du hast Dich wirklich in dem Zimmer bewegt, als sei es Dein Zuhause, das habe ich sofort bemerkt. Das alles nimmst Du auf Dich, weil es die Möglichkeit ist für Dich, so einigermaßen über die Runden zu kommen. Ich habe Dir von einer Bekannten von mir erzählt, die dasselbe wie ich studiert hat, dann noch ein Logopädiestudium draufgesetzt hat und jetzt für einen Hungerlohn in einer Praxis 8 – 9 Patienten á 45 Minuten pro Tag behandelt und Du hast gesagt, das wäre bei Dir wohl ziemlich ähnlich, wenn Du nur in einer Praxis arbeiten würdest.

Ich habe Dir dann von meinen verschwurbelten Überlegungen über meine Zukunft und meinem Berufswahldilemma erzählt und als Du u.a. gehört hast, dass ich Finnisch spreche und noch so die eine oder andere Sprache und als Du gehört hast, dass ich auch von meinem Professor ein Angebot habe zu promovieren, da hast Du mir sehr ernst und sehr eindringlich und deutlich gesagt: „Aber liebes Kind, wenn Du solche Möglichkeiten hast, wenn Du so ein Sprachtalent hast und wenn Du so leicht Sprachen lernst, dann mach etwas daraus! Mach etwas aus Deinem Talent und werde Dolmetscherin, Übersetzerin, promoviere oder mach sonst etwas. Aber mit diesen Vorraussetzungen brauchst DU Dich nicht als Logopädin krumm und buckelig arbeiten. Mach etwas aus Deinem Talent.“ Ich glaube, das war einer der schönsten Sätze, die bis jetzt in diesem Jahr jemand zu mir gesagt hat, wirklich, und ich verspreche Dir hiermit, dass ich Deinen Rat befolgen werde. Ich werde etwas aus meinem Talent machen in welcher Form auch immer.

Liebe Logopädin in der Jugendherberge in der Unterholzstadt, ich bin Dir unendlich dankbar dafür, dass Du mir so ehrlich und direkt Deine Meinung gesagt hast, dass Du mir die Augen geöffnet hast für eine Realität, in der manchmal noch nicht einmal zwei Universitätsabschlüsse und Unmengen von Wissen und Unmengen von Einfühlungsvermögen für Menschen anerkannt werden. Ich habe so etwas nun zum zweiten Mal gehört und ich habe jetzt sehr stark den Eindruck, dass ich nicht für diesen Beruf gemacht bin. Das ist alles ein bisschen ZU krass für mich, ich muss keine Millionen verdienen, aber ich wünsche mir eine gerechte Bezahlung für das, was ich leiste. Ich habe auch momentan nicht die Kraft und nicht die Muße, noch mal ganz von null anzufangen, noch eine Ausbildung anzufangen oder ein zweites Studium. Weiterstudieren ja, möglicherweise, aber nicht von null auf. Bye bye mein Traumberuf Logopädin. Ich finde einen anderen Traum, einen der besser für mich passt.

Für mich war unsere Begegnung fast schon etwas Mystisches, fast schon ein Wunder, zwar eines von vielen Wundern auf dieser Reise, aber doch ein sehr bedeutsames Wunder. Ein Wunder, das mich zum Nachdenken angeregt hat, das mich heute noch sehr stark rührt und berührt, noch während ich dies hier aufschreibe und ein Wunder, das mir einen großen Schritt in Richtung Zukunft weitergeholfen hat. Danke!

Mach es gut, liebe Logopädin, ich wünsche Dir für Deine Zukunft von ganzem Herzen alles Gute und vor allem Anerkennung für die schwierige Arbeit, die Du leistest.

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10 Kommentare zu „Liebe Logopädin

  1. Solche Begegnungen sind atemberaubend und augenöffnend, freut mich, dass du deinen Aha-Moment auf der Deutschlandreise hattest!
    Ging mir in den letzten acht Wochen mit den verschiedensten Menschen so. Glaube, es waren am Schluss fünf Begegnungen, die mir sehr bei der Selbstfindung und Zukunftsplanung geholfen haben. Hach.

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  2. solche menschen sind geschickt – von wem auch immer! gut, wenn man sie überhaupt erkennt, deswegen freue ich mich sehr für dich, dass du deine person erkannt hast und nun die dinge anpacken kannst!!

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  3. Danke für Eure lieben Kommentare. Ja, es war wirklich atemberaubend, es war ein ganz toller, sinngebender, so völlig unerwarteter Punkt auf dieser Deutschlandreise und Ami, ich glaube auch irgendwie, dass jemand diese Frau geschickt hat. Ich kann es mir nicht anders erklären.

    Sicher, was ich wirklich machen möchte, bin ich mir trotzdem noch nicht, es gibt noch genug andere Möglichkeiten, aber immerhin bin ich schonmal einen Schritt weiter. 🙂

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  4. Begabungen und Neigungen sollten immer eine ganz große Rolle bei der Berufswahl spielen, dann stimmt die Motivation – und mit der kommt dann meist auch der Erfolg.

    Eine allzu konstruierte, künstliche Karriereplanung kann – selbst wenn sie klappt – später zu Frustration, Unlust und Sinnfragen führen. Da ist die Midlife-Krisis fast schon vorprogrammiert.

    Insofern bist du auf dem richtigen Weg … 🙂

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