alternative

Vor einigen Jahren, ich war so gerade der schröckelischen Pu.pertät entwischt, war es auf einmal schröckelisch in unter Jugendlichen, alternativ zu sein. Die Jugend rebelliert gerne, schon immer tat sie dies, und in diesem Fall rebellierte sie mit Afro-Mützen, Kiffen und Reggae. Eigentlich war das sehr nett anzusehen, dieses Meer aus Jamaica-Farben und sehr „gechillt“ war es auch. Es war auch nett, ein bisschen selber reinzuschnuppern. Ich kannte damals ein paar sehr überzeugte Alternative, hab das Ganz selbst aber eher so am Rande mitgemacht: Ein paar Reggae-Festivals, weil’s grad Sommer und luschtisch war, und Patrice und Gentleman waren eine Zeitlang auch meine steten Begleiter, aber das wars dann auch schon. So richtig war ich wohl nie so in diesem Trend angekommen, dazu war ich nicht alternativ und cool genung und fühlte auch nie den Drang dazu, wahnsinnig alternativ zu sein. Ich war eher froh, dass ich gerade kurz zuvor ansatzweise herausgefunden hatte, wer ich bin und dass ich eigentlich ganz normal-unalternativ bin und nicht jeden Trend mitmachen muss.

Das Unwort dieser Zeit war: ‚mainstream‘ und für das Ziel, sich vom ‚mainstream‘ abzugrenzen und es – alles in sämtlichen Lebensbereichen anders zu machen – wurde alles getan. Musik, wie bereits gesagt, grundsätzlich die guten alten Helden der 60er und 70er oder halt Reggae. Plötzlich war es wahnsinnig cool, sich für die hungernden Kinder in Afrika zu engagieren, durchaus ein positiver Nebeneffekt des Ganzen. Am coolsten waren aber die, die sich als verkannte alternative Künstler oder Musiker outeten und die anderen abends beim Lagerfeuer mit ihren unglaublichen Gitarrenkünsten und „Hey Mr. Tambourine man“ beeindruckten. Alles eigentlich sehr nett und friedlich und es muss wohl wirklich ein bisschen ein Gefühl wie damals in den guten alten 60ern und 70ern gewesen sein, obwohl zu dieser Zeit wohl gerade einmal die Eltern der meisten Reggae-Jünger das Laufen lernten, wenn ich unter diesen Leuten schon eine alte Oma war.

Doch dann passierte etwas und das, was passierte, war ein gar wunderbarstes Beispiel dafür, wie eine Sache sich selbst ad absurdum führen kann. Plötzlich war nämlich JEDER alternativ, plötzlich lief JEDER mit Afro-Mütze rum und plötzlich hörte JEDER Patrice und Gentleman und Reggae, jeder engagierte sich für die hungernden Kinder in Afrika. Und selbst die hartgesottensten Alternativen mussten erkennen: Ist etwas noch alternativ, wenn JEDER meint, alternativ zu sein und also alle im Endeffekt doch wieder gleich aussehen, die gleiche Musik hören und das gleiche tun? War das nicht alles irgendwie wahnsinnig aufgesetzt und absurd und vor allem: War das nicht im Grund genommen wieder mainstream? Einer nach dem anderen musste diese folgenschwere Erkenntnis machen und aus den kiffenden, die Nächte durchfeiernden Jamaica-Mützen-Trägern wurden plötzlich wieder ganz normale, trendy gekleidete junge Menschen, die alle brav die Schulbank drückten, sich um ihr Abitur bemühten und inzwischen studieren.

Ich würd ja trotzdem gerne mal wissen, ob und wo es die Alternativen noch gibt. Vielleicht geh ich im Sommer mal auf ein Festival…??

6 Kommentare zu „alternative“

  1. Hach ja. Dieses aufgesetzte unbedingt anderssein wollen als der Rest, das fand ich auch immer ziemlich nervig. Beispielhaft kann ich da eine ziemlich dämliche Aussage anführen, die ich mal von einer Bekannten hörte:
    „Nee, also BandXYZ hör ich ja nicht mehr. Die hört ja jetzt jeder.“ In so einem sehr herablassenden Tonfall.
    Nicht: Band XYZ hör ich nicht mehr, weil mir deren Musik nicht mehr so gut gefällt. Oder weil ich was anderes für mich entdeckt habe. Nein. Weil die jetzt jeder hört und ich mich deshalb damit, das ich die höre nicht mehr so schön als ganz doll individuell vom bösen Mainstream abgrenzen kann.

    Sehr lustig sind auch immer wieder manche O-Phasen-Gruppen an der Uni anzusehen, nämlich solche von Studiengängen, die dafür prädisteniert sind, diese Sorte junger Menschen anzuziehen, die ihre aufgesetzte Individualität so demonstrativ vor sich hertragen. Da steht dann nämlich oft so eine ganze große Gruppe voller sehr ähnlich individuell gekleideter und frisierter junger Menschen, das dieses schon wieder was von Uniformität hat. Alle im gleichen alternativ-individuellen Second-Hand/Indien/Ethno-Stil gekleidet, alle mit denselben individuellen hennagefärbten und in alternative Dreadlocks gelegten Haaren, das sich dazwischen die wenigen Mainstream-Normalos wie die wahren Individualisten ausnehmen.

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  2. Na das ist so etwa das selbe wie momentan mit den sogenannten LOHAS, deren Umweltbewusstsein etwa bis zur Autotür reicht.

    Ich kenne jede Menge Leute, die echt „Individuell“ sind. Viele gibt´s in Künstlerkreisen.
    Aber über Leute, die eben partout nicht zum Mainstream gehören wollen und dadurch genau dazu werden, darüber hab ich mich auch schon oft gewundert.

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  3. Julia, wie schön, Dich mal wieder zu lesen! Und herzlich willkommen hier! 😆 Ich hoffe, Euch geht’s allen gut! Stimmt, Du hast sehr recht, aber ich wundere mich da gar nicht mehr, ich find es einfach nur lustig. 😉

    Markus, ich hab mich bis jetzt noch gar nicht ins Atomic getraut – eben wegen diesen Typen. 😆 Aber vielleicht sollte ich das mal tun, z.B. die Abschlussfeier ins Atomic verlegen. Ich beobachte doch so gerne Leute. 🙂

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  4. hm, ich habe meine alternative Phase mit einem Che Guevara T-Shirt ausgelebt, aber im Endeffekt war mir das Teil nur noch peinlich… Ich habe dann auch noch regelmäßig auf so einer alternativen Linken-Seite gesurft, dass war meine Art des Rebellentums, eigentlich wollte ich weniger alternativ sein, sondern mehr was tun, was meine Eltern nicht sooo toll finden *g*

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