Über Vergangenes

Ich hatte mal eine „Freundin“, die stammte aus dem schönen Bayern fast an der Grenze zu Österreich. Eines Tages beschloss diese Freundin, nach Irland auszuwandern, denn irgendwie war ihr alles zuwider in Deutschland, das Wetter, die Menschen, die Bürokratie, das Studium, sie konnte mit ihrem Fachabitur nicht das studieren was sie wollte und noch so einiges. Das tat sie auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit kund und so kam es dann, dass sie nach Irland auswanderte. Dort war alles besser, die Menschen (sie lebte zur Untermiete in einem heruntergekommenen Haus bei einem sehr komischen Mann, der sich einen Dreck darum scherte, dass sie Asthmatikerin war und ungestört das ganze Haus vollqualmte), die Bürokratie, das Wetter, das Studium alles war dort besser. Als sie dann dort war, hatte sie nichts mehr zu meckern über die Deutschen und ihre Bürokratie, sie bekam nur noch regelmäßig aus Deutschland Auslandsbafög und ihre Halbwaisenrente überwiesen, also fing sie an, sich über deutsche Touristen zu beschweren, die sich ja bekanntermaßen regelmäßig daneben benehmen und gleichzeitig dazu musste sie betonen, wie unglaublich irisch oder auch irisiert sie schon war und wie undeutsch. Die Tatsache, dass sie eigentlich aus Deutschland kam, wurde daher natürlich möglichst verschwiegen oder verleugnet.

Das Ganze endete dann leider etwas unschön, denn als ich sie nach einem dreiviertel Jahr dort besuchte, absolvierten wir statt einem fröhlichen Wiedersehen eher mehr als weniger gezwungen ein Besichtigungsprogramm und das wiederum endete dann damit, dass sie mir eines Nachmittags während eines Ausflugs an die Westküste von einer Sekunde auf die andere verkündete, sie bräuchte jetzt mal Zeit für sich alleine und ich dann mehrere Stunden alleine durch die Straßen von Galway, einer mir wildfremden Stadt, streunte und nicht wusste, wann, wo und wie ich meine Freundin wiedertreffen sollte. Wir trennten uns dann natürlich im Streit und sie warf mir noch nach meiner Abreise in einem feigen Brief vor, dass ich ja niemals nie eine Freundin gewesen wäre und sie immer nur ausgenützt hätte. Nun, da ich nach neun Monaten die ERSTE von sämtlichen Freunden und Familienmitgliedern war, die sie dort in der neuen Heimat besucht hat, nehme ich an, sie wird wohl eine entsprechende Auswahl von Freunden gehabt haben, um das einschätzen zu können, ob ich ihr eine Freundin war…

Warum ich das schreibe? Weil ich grad heute wieder im Gespräch mit einer Freundin, die grad ein Semester im „Ausland“, in Wien ;), studiert hat, daran denken musste, wie viele Menschen zu Beginn einer neuen Lebensphase sich das alte Leben und alles was damit zusammen hing, erstmal gründlich schlechtreden müssen. Nehmen wir die Leute, die Deutschland verlassen. (Und nein, es handelt sich hier nicht um meine Freundin, sie hat nur von Erfahrungen mit anderen „Auswanderern“ in Wien erzählt.) Gründe, Deutschland zu verlassen, gibt/ gäbe es viele. Die Arbeitslosigkeit, die Politik, die Spießigkeit, die Bürokratie, vielleicht ist es auch ein bisschen sehr geordnet und demnach auch langweilig hier. Vielleicht ist es aber auch einfach nur so, dass jemand sich ganz allgemein woanders wohler fühlt als hier, das darf jedem Menschen selbst überlassen werden.

Und diese negativen Faktoren werden in den allermeisten Fällen, wenn jemand auswandert, eben erstmal mt aller Macht breitgetreten. Die positiven Faktoren von Deutschland, dass man hier doch relativ sicher lebt, dass wir alle ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen haben, dass wir in die Schule gehen können/ konnten und sogar ein recht vielfältiges Kulturprogramm geniessen können, das wird dann aber sehr gerne totgeschwiegen und dann ist man auch gerne mal etwas erschrocken oder enttäuscht, wenn man im Zielland erstmal vergebens nach einem funktionierenden Gesundheitssystem sucht oder trotz schönstem Palmenstrand vor der Haustür sich nach acht Uhr abends nicht mehr ohne Angst aus dem Haus wagen kann. Aber man ist ja weg aus Deutschland, denn in Deutschland ist alles so blöd, so schlecht, so schwierig, so einseitig und so grau in grau!

Oder ein anderes Beispiel, die berühmt-berüchtigten Jungendsünden. Selbst Menschen in meinem (jungen) Alter, verdrehen regelmäßig die Augen, wenn man Themen aus der gerade erst vergangenen „wilden“ Jungendzeit anspricht, wenn man mal alte Photos von sich oder alte Zeichnungen, auf denen man mit einem neuen Stil experimentiert hat, findet. „Oh mein Gott, was hab ich denn da gemacht!!! Wie doof war das denn bitte? Oh nein, wie peinlich!“ Und damit meine ich noch nicht mal dieses etikettierte, aber eher belustigte, gemeinsame Lachen über Irrtümer alter Zeiten, sondern wirkliches Entsetzen und Scham. Ist es aber nicht vielmehr so, dass wir, hätten wir diese Dinge, diese meinetwegen missglückten, kindischen Zeichnungen oder diese Jugendsünden nicht gemacht, niemals dort stehen würden, wo wir heute stehen? Jeder von uns hat als Teenager Dinge ausprobiert, Grenzen ausgetestet und manchmal auch mit Absicht Blödsinn gemacht, nur um zu testen, was als Reaktion kommt. Das war so und das wird immer so sein, auch unsere Kinder werden das einmal tun. Können wir nicht, wohlwissend, dass wir als 16jährige niemals nicht über den Kenntnisstand verfügten, über den wir als 26jährige verfügen, all diese Dinge mit ihren zwar anderen, aber damals richtigen Motivationen, mit ihren zwar anderen, aber damals richtigen Situationen und daraus folgenden Handlungsweisen und vielleicht auch mit ihrem zwar anderen, aber damals richtigen Übermut einfach akzeptieren, milde lächeln und einfach dazu stehen, dass wir damals genau so gehandelt haben, weil es damals richitg war?

Es scheint mir also irgendeine Tendenz bei Menschen zu geben, vor Beginn eines neuen Lebensabschnittes – sei das der Beginn des Erwachsenenlebens oder sei das ein Umzug – , den alten Lebensabschnitt ersteinmal kräftig in den Staub zu treten, weil er nicht mehr so passt, wie er mal passte, weil er ein Schuh ist, der zu klein geworden ist, und sämtliche Dinge, die diesen Lebensabschnitt betreffen, mögen sie einst auch noch so positiv und überzeugend gewesen sein, schlecht zu reden. Und das finde ich manchmal doch sehr beängstigend.

Ich verrate Euch jetzt mal was. Ich war zu Teenie-Zeiten Kelly Family Fan. Für viele ist das heute ein Grund, sich zu schämen und das weitesgehend zu leugen, aber warum sollte ich das leugnen? Ich gebe ehrlich zu, mir sind erst neulich beim Aufräumen die alten CDs in die Hände gefallen, ich habe sie in den CD-Player gelegt – und sofort wieder ausgeschaltet. Ich konnte mit der Musik nichts mehr anfangen, es war plötzlich alles weg, was ich damals so daran mochte, so Leid es mir tut, und ich habe mir einen Moment lang gedacht „Oh mein Gott, DAS hast Du mal tagein tagaus gehört?“ Aber dann habe ich mir gedacht „Ja, ich habe das mal geliebt und damals hatte das die und die Gründe. Und das ist auch gut so, auch wenn es heute nicht mehr gültig ist. Aber es ist doch schön zu wissen, dass wir zu dieser Musik damals so wunderbare Zeiten hatten, so viel träumen konnten und so wundervolle Konzerte miterlebt haben.“

Letztendlich, hätte ich damals nicht Kelly Family gehört, hätte ich einige sehr liebe und sehr wichtige Menschen in meinem Leben, mit denen der Kontakt auch über Kelly Family hinaus erhalten blieb/ bleibt, niemals kennengelernt. Wofür sollte ich mich also schämen?

(Und nein, meine Kelly Family CDs gebe ich trotz allem nicht weg, die bleiben hier, mindestens so lange, bis meine Kinder mal in die Pubertät kommen.)

6 Kommentare zu „Über Vergangenes“

  1. Schreib doch nicht soviel. Wir haben doch keine Zeit!

    Bei mir war es Scooter! 🙂

    Ich verstehe, was du meinst. Mein Therapeut meinte damals zu mir als ich aus Berlin fort nach Bayern ging, dass ich mein Unglück einfach mitnehmen würde. Und ich finde er hatte recht. Erst wenn man glücklich mit der IST-Situation ist, kann etwas Neues auch richtig schön sein. Nur weil ich weggehe wird das Leben nicht besser, oder inhaltsreicher, den Inhalt mache ich ich selbst egal wo ich bin.

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  2. Oh ja. Solche Gespräche sind mir wohlbekannt, wenn auch unter anderen Umständen. Und mich nerven sie nur. Ich könnt brechen, wenn wieder jemand davon anfängt. Mittlerweile ersticke ich sie im Kern 😉
    Wir drei werden sicher auch für einige Zeit mal ins Ausland ziehen. Aber sich nicht, weil hier alles so furchtbar schlecht ist. Denn das ist es im Grunde genommen nicht.

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  3. Edit: Oh ja, die Kellys. Hihi. Und warum sollte man sich dafür schämen? Die, die damals keine Kellyfans waren, waren Backstreetboysfans… also bitte 😉 😀

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  4. Anksu, Deine Kinder werden Dir die Kellys in ihrer Pubertät vermutlich um die Ohren hauen :-), aber ich würde sie auch nicht wegschmeißen (ich geb´s ja zu, eine CD von denen hab ich auch….).
    Ich hab mir abgewöhnt, mich für meine Jugendsünden und andere Fehlschläge in meinem Leben zu schämen oder mit ihnen zu hadern. Das bringt eh nix und auch das gehört eben zu mir.
    Und wenn ich genau hingucke, hatten auch die ihren Sinn und haben mich weitergebracht. Und ich habe Erfahrungen gemacht und Menschen kennenlernt, die ich ohne sie nie hätte machen können. So bin ich meinen Fehltritten sogar dankbar. Und ich lebe im Einklang mit ihnen.

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