Wunderbares und Kurioses aus der bunten Welt der Sprache – Syntaktische Varianz

So, Sonntagabend, das Wochenende ist vorbei und es ist Zeit für eine neue Lektion in Sachen Sprachwissenschaft. Frau Ansku macht heute mal wieder den Erklärbären! Sind denn auch alle da? Heute etwas ganz speziell für Frau Wortteufel, weil ihr das Thema so sehr gefallen hatte und weil es auch eines meiner Lieblingsthemen ist. Es klingt zuerst vielleicht verwirrend, ist aber ganz doll spannend, also nicht erschrecken, sondern freuen, staunen und bis zum Schluss lesen! 😉

Eigentlich versteckt sich hinter dem hochtrabenden Begriff „syntaktische Varianz“ nichts spektakuläres, es geht im Prinzip nur um den ganz normalen Sprachwandel, der schon immer passiert ist und auch heute noch passiert. Wir SpraWis versuchen nur, das Ganze in bestimmte Strukturen und Kategorien einzuteilen.

Ihr habt sicherlich alle schonmal von diesen ominösen Sprachen gehört, in denen ein Wort einen ganzen Satz enthält. Und Ihr habt Euch sicherlich alle auch schonmal gewundert, warum zum Beispiel Chinesisch so anders ist als Deutsch, Englisch, Französisch und „unsere“ hier so bekannten Sprachen. Das liegt daran, dass diese Sprachen einen unterschiedlichen Sprachbau haben, man kann sie anhand ihres Sprachbaus in vier Typen einteilen.

Da gibt es zunächst den agglutinierenden Sprachtyp. Der ist zunächst schonmal ziemlich anders, als Deutsch, Englisch oder Französisch, weil alle Endungen an das Wort angefügt werden und man kann sagen, dass (meistens) genau für jede Bedeutung eine Endung an das Wort angefügt wird. (Ich sage hier Endung, obwohl es nicht ganz korrekt ist, denn viele Sprachen fügen solche grammatischen Elemente, sog. Morpheme, auch vor das Wort oder in die Mitte oder… .) Als Beispiel ein finnisches Wort in seine grammatischen Einzelbestandteile zerlegt:

talo „Haus“

talo-ssa „im Haus“ (-ssa Kasus „in“)

talo-i-ssa „in den Häusern (-i- Plural)

talo-i-ssa-ni „in meinen Häusern“ (-ni „mein“)

Ähnlich geht das auch im Ungarischen und im Türkischen, z.B. göz „Auge“, göz-ler „Augen“, göz-ler-i-mi (Auge-Plural-Akkusativ-meine) „meine Augen“ Dadurch sind die meisten Wörter sehr eindeutig identifizierbar und zerlegbar, man kann auch sagen, dass Verhältnis von Endung, die an das Wort angefügt wird und Bedeutung ist genau 1:1, für jede Bedeutung gibt es genau eine Endung, also eine für Plural, eine für den Kasus, eine für den Besitzer usw. wie im finnischen Beispiel.

Sicherlich hat der eine oder andere schon gemerkt, dass da im Vergleich mit der deutschen Übersetzung ziemliche Unterschiede sind. Deutsch gehört nämlich, wie z.B. Englisch, Spanisch, Französisch zum flektierenden Sprachtyp. Hier gibt es nicht mehr für jede Bedeutung genau eine Endung, sondern mehrere Endungen sind in einer zusammengefasst, wie z.B. „den Häus-ern“. Ihr merkt, dass es hier schon sehr viel schwerer ist, die einzelnen Elemente herauszutrennen, denn durch den Plural hat sich auch der Stamm des Wortes verändert (Haus -> Häus-er, sog. Ablaut) UND es kommen noch Endungen für Plural und den Fall hinzu. Überhaupt gibt es ja bekanntlich für die EINE Bedeutung „Plural“ im Deutschen VIELE verschiedene Formen, „Häus-er, Zitrone-n, Auto-s, Tisch-e, Kinder-er“…

Gleichzeitig kann es beim Sprachwandel auch passieren, dass plötzlich zwei Wörter, die eigentlich verschiedene Bedeutungen haben und früher auch mal verschieden aussahen, gen au gleich klingen, z.B. „wir gingen“ und „sie gingen“ Dann muss man plötzlich andere Mittel, hier die Pronomen „wir“ und „sie“, zur Hilfe nehmen, weil ein Satz wie „Gingen zur Kirche“ nicht mehr eindeutig identifizierbar ist. Diese ganz klaren und sauberen Trennungen, wie wir sie vorher beim Finnischen kennengelernt haben, sind also nicht mehr möglich, das schöne Verhältnis von Bedeutung zu Endung 1:1 ist nicht mehr da, sondern es ist entweder 1:n (eine Bedeutung, mehrere Wortformen, z.B. Plural im Deutschen) oder n:1 (eine Wortform, mehrere Bedeutungen, z.B. sie/ wir gingen).

Ein weiterer Typ sind die polysynthetischen Sprachen. Das sind diese sehr lustigen Sprachen, wo ein ganzer Satz in ein Wort gepresst wird und das ist alles wirklich sehr komplex und sehr verwörrend. Fest steht nur, dass hier ganz viele Endungen an ein Wort angefügt werden, manchmal auch ganze Wörter in andere Wörter eingegliedert werden (im Beispiel hier „Wind“ und „bewegen“) und das alles munter durcheinander und heraus kommt dann so ein Ein-Wort-ein-Satz-Dingens. Ich zeig’s Euch mal kurz, bitte nur staunen, sich wundern, aber nicht beeindrucken oder gar erschrecken lassen und einfach weiterlesen!

 kk'o  -aɬts'eeyh-y      -ee  -'oyh
 around-wind     -3SG.Obj-IMPF-move.compact.obj
'The wind is blowing it around' (Der Wind weht es herum)

(Ein Strich bedeutet ein Element, dann könnt Ihr auch in der zweiten Zeile sehen, was die Bedeutung der einzelnen Objekte wäre. Schreiben würde man das normal natürlich alles zusammen. Ach so ja, und solche Sprachen gibt es zu Hauf‘ in Nordamerika (Indianersprachen), im Kaukasus und in Sibirien.)

Dann gibt es noch den isolierenden (manchmal auch analytischen) Sprachtyp, zu dem u.a. Chinesisch, Indonesisch und Vietnamesisch gehören. Hier gibt es fast gar keine grammatischen Endungen mehr, es wird nur ganz selten etwas an das Wort angefügt, um seine Bedeutung zu verändern, daher gibt es zum Beispiel auch keine Fälle. In dem chinesischen Beispiel (von hier zitiert) seht Ihr, dass für jede Bedeutung ein extra Wort steht, auch für grammatische Bedeutungen wie zum Beispiel „Plural“ und „Possession“ (Angabe des Besitzers).

Alle meine Freunde wollen Eier essen.
de péngyou men dōu yào chī dàn.
Ich possessiv Freund Plural alle wollen essen Ei.

Da Sprachen sich wie bereits erwähnt, laufend verändern, passiert es ständig, dass Endungen (z.B. durch schlampige Aussprache etc.) abgeschliffen werden und irgendwann ganz verschwinden. Und wenn sich zum Beispiel in einer agglutinierenden Sprache wie Türkisch, Finnisch oder Ungarisch sehr viele Endungen verschleifen, zusammenfallen oder ganz wegfallen, dann kann es passieren, dass so eine agglutinierende Sprache (irgendwann nach Jahrhunderten und Jahrtausenden) dem flektierenden Sprachtyp (wie Deutsch) zugeordnet werden muss.

Genauso kann sich aber auch eine flektierende Sprache noch weiter abschleifen und irgendwann alle Endungen verlieren und dann ist es eine isolierende Sprache. Englisch ist zum Beispiel gerade in so einem Entwicklungsstadium, denn wenn man sich Altenglisch ansieht, dann gab es da damals noch eine ganze Reihe von Kasus, also so richtig Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ, so wie im Deutschen und jede Menge weitere Endungen und Zeugs. Im heutigen Englisch, das werden alle gemerkt haben, ist davon aber nicht mehr viel zu sehen. Es gibt noch ein paar Reste von diesen alten Kasus, es gibt ja noch z.B. -s für den Genitiv, zum Beispiel „the fathers house“, ansonsten verändert sich am Wort selber nicht viel, ob ich sage „The cat bites the dog.“ oder „The dog bites the cat“. Auch am Verb gibt es fast keine Endungen mehr, lediglich im Präsens hat sich ein einsames kleines -s in der dritten Person erhalten. Ihr seht, die Funktion, die das Wort im Satz erfüllt, wird alleine durch die Wortstellung bestimmt, ob das Wort vor oder hinter dem Verb steht (dagegen hat Finnisch zum Beispiel mit seinen vielen Kasus eine nicht ganz, aber doch ziemlich freie Wortstellung, die Wörter können in den meisten Fällen in beliebiger Reihenfolge stehen). Die Sprache musste quasi für den Wegfall dieser ganzen Fälle, die früher mal die Funktion des Wortes im Satz bestimmt haben, einen anderen Mechanismus finden und das ist jetzt die feste Reihenfolge der Wörter. Das alles snd Folgen des Sprachwandels, festzustellen bleibt hier nur, dass wenn sich am Wort selber nichts mehr verändert, obwohl die Funktion im Satz sich verändert, dann ist die Sprache auf dem besten Weg zu einer isolierenden Struktur wie dem Chinesischen, ist aber dennoch noch keine isolierende Sprache, weil es ja (momentan) noch einzelne Reste von Endungen und Flektionen gibt! Und weil aber im Sprachwandel nicht immer nur etwas wegfällt, sondern auch neues entsteht, kann es auch passieren und ist auch schon passiert, dass so eine isolierende Sprache wie das Chinesische eine 180 Grad Kehrtwendung macht und sich zu einer agglutinierenden Sprache entwickelt und somit schließt sich der ewige Kreis und das nennt man dann „Der große Sprachenzirkel“.

Wer ist noch dabei?? Und wer findet das mindestens genauso spannend wie ich?? Macht mir keine Schande, meiner Familie hab ich das schonmal erklärt und die haben es auch kapiert! 😉 😀 Ihr dürft natürlich wie jedes Mal nachfragen, wenn etwas unklar ist.

Ich hoffe, Ihr hattet mal wieder Spaß bei diesem Ausflug in die große bunte Welt der Sprachen. Herzliche Grüße,

Eure Frau Ansku Erklärbär

11 Kommentare zu „Wunderbares und Kurioses aus der bunten Welt der Sprache – Syntaktische Varianz“

  1. Spannend auf jeden Fall. Aber kompliziert nicht, denn Du hast das so wunderbar strukturiert erklärt und deine Leser an die Hand genommen – da kann ma ja nur gern und staunend folgen!
    Für die nächste Lektion schreibe ich mich hiermit bereits jetzt ein.

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  2. Guten Morgen!

    Hier kommt der Test ob ich es auch verstanden habe:
    Ist es dann also so, dass sich Finnisch zu einer flektierenden Sprache entwickelt, weil man anstelle von „taloni“

    auch einfach „minun talo“ (gesprochene Sprache, „schlechtes Finnisch“) sagen kann?

    Grüsse!
    Imke

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  3. Buchstaeblich, an mein Herz! Vielen Dank!

    Unterholzbewohner, thank you. I hope, not just impressed, but also enthusiastic. 🙂

    Imke, Du hast im Prinzip Recht. Bei Estnisch sieht man das allerdings viel deutlicher. Estnisch z.B. war früher von seiner Struktur her, also das mit den aneinandergehängten Endungen etc. sehr ähnlich wie Finnisch. Jetzt ist da aber (z.B. durch Einflüsse aus germanischen Sprachen) sehr viel „verwischt“ und verlorengegangen, z.B. Nominativ, Genitiv und Partitiv haben z.T. ganz verschiedene Stämme (also nicht nur so ein kleiner läppischer Stufenwechsel 😉 ), und daher befindet es sich jetzt ganz klar auf dem Weg zu einer flektierenden Sprache. Aber ich bin mir grad nicht ganz sicher, ob das Beispiel mit dem „talo“ so ein gutes und typisches Merkmal für diesen Pronzess ist oder ob mir noch etwas eindeutigeres einfällt. Ich muss mir das nochmal durch den Kopf gehen lassen. 😉

    Wortteufelchen, 😀 Tschakkaa, Du schaffst das!

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  4. Jaja, alle wollen ständig mehr von mir… Kinder Kinder, ich muss auch mal für meine Prüfungen lernen!!! ich kann dem werten Herrn Professor leider nicht sämtliche Blogbeiträge vorlegen und sagen „Büddebüdde geb’n Se mir ma ne Eins mit Stern!“ 😉

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  5. Jetzt will ich auch mal zu Finnisch mitraten: Wofür ist es denn ein Zeichen, dass es auch im Finnischen für einen Kasus mehrere Morpheme gibt, also taloon, aber huoneeseen und työhön? Flektierende Sprache? Historischer Umweg? Bösartigkeit gegenüber Ausländern?

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  6. So, jetzt für meine beiden Finnisch-Mitstreiterinnen. Ich hab mir das nochmal etwas gründlicher durch den Kopf gehen lassen und muss sagen: Großes großes Lob, Ihr habt beide sehr richtig geraten/ mitgedacht.

    @ Imke: Dieser Wandel von taloni zu minun talo ist eigentlich, wie ich gestern schon angedeutet habe, nicht wirklich ein Wandel zur flektierenden Struktur, sondern eher zu einer analytischen, (= isolierenden) Struktur, wie im Chinesischen. Das muss jetzt kein Widerspruch sein, Englisch ist sogar, wenn man nur allein die Steigerung von Adjektiven ansieht, teils isolierend (difficult – more difficult – most difficult), teils agglutinierend (fast – fast-er – fast-est). 😉
    Vermutlich aber ist diese Konstruktion minun talo kein Zeichen von „unsauberer Sprache“, sondern ist einfach von den germanischen Sprachen übernommen worden. Zeichen für den Wandel zum flektierenden Sprachtyp sind eher Phänomene wie z.B. der Stufenwechsel und die dadurch entstandenen nicht mehr durchsichtigen Stämme wie z.B. kaksi vs. kahta- vs. kahde-, katu vs. kadu- usw. Wie gesagt, Estnisch ist da schon ein großes Stück weiter (und mit seinen insgesamt 2 Stufenwechseln verwirrender!!!) als Finnisch.

    @ Julia: Ich hätte auch zuerst auf Bösartigkeit gegenüber Ausländern getippt, unbedingt!!! 😉 Leider ist es aber dann doch so, dass Du mit Deiner Vermutung Recht hast und das ein gutes Zeichen für beginnende Flektion ist. Ich könnte fast schon sagen: Das ist bereits Flektion live in freier Wildbahn! 😉 Die Endung sind aber historisch erklärbar: Die Endung für den Illativ war ganz früher mal *-s-e-n (*s für innere Kasus und *n war damals noch die Endung des Richtungskasus „wohin“), also *talo-sen, das wurde dann zu *talo-zen, das wiederum zu *talo-hon und dann ist das h ausgefallen und Du hast taloon.
    Bei z.B. maa war das etwas anders: Aus *maa-sen wurde *maa-zen wurde maa-han. Dass das so ist, liegt an der Betonung auf der ersten, dritten, fünften … Silbe, die Entwicklung zu -hVn fand nur dann statt, wenn das Wort auf eine unbetonte, vokalische Silbe auslautet. Wie z.B.maa, työ etc. Für den Rest kann ich Dir Unterlagen schicken, wenn Du magst.

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  7. Das ist toll und hat mich daran erinnert, dass ich das schon mal in einem Kinderbuch zum Thema Sprache gelesen habe, „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm zu Babel“, und das mich das schon damals sehr beeindruckt hat. Sprache ist was Tolles! 🙂

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