Auf das Geschlecht kommt es an!?

Letzten Freitag habe ich einen Vortrag über Gender Studies gehört, der allerdings auch nicht viel dazu beigetragen hat, dass ich mich mit diesem größten wissenschaftlichem Übel unserer Zeit Thema besonders anfreunden kann. O!M!G! Dazu aber demnächst mehr.

Einige interessante sprachwissenschaftliche Beobachtungen und Geschichtchen gab es aber dann doch, wie zum Beispiel diese: In Finnland, ganz im Norden in Lappland und um genau zu sein in Rovaniemi gibt es eine Zeitschrift (oder Zeitung? ich weiss es nicht genau) „Lapin kansa“ [Das Volk der Lappen]. Diese Zeitschrift sollte wohl vor einiger Zeit eine neue Chefredakteurin bekommen. Schließlich war dann klar, dass Johanna Korhonen diesen Posten übernehmen sollte. Der Umzug von Helsinki nach Rovaniemi wurde vorbereitet und Johanna wurde groß interviewt. Ja, man freue sich sehr auf den Umzug nach Rovaniemi, die ganze Familie. Ja, auch ihr Partner freue sich sehr. Oh ja, alles ganz wunderbarst und toll und vorfreudig. Der Vertrag wurde unterschrieben, das Interview wurde veröffentlicht, doch wenige Zeit später wurde Johanna entlassen. Der Grund: Man könne ihr nicht vertrauen, denn sie habe verschwiegen, dass ihr „Partner“ eine Frau ist und so eine ungewöhnliche Lebensgemeindschaft wollte und konnte man zudem wohl im konservativen Nordfinnland nicht akzeptieren (obwohl das natürlich keiner zugibt.  😉 ).

Wie kommt das nun?? Wie kann man eine halbe Stunde oder Stunde sich über jemanden, seinen Partner und seine Familie unterhalten, ohne zu bemerken, um welches Geschlecht es sich handelt? Die Antwort: Auf Finnisch kann man. Finnisch ist eine Sprache (fast) ohne grammatikalisches Geschlecht, das bedeutet die Sprache unterscheidet nicht zwischen männlich und weiblich (und sächlich). Da es im Finnischen sowieso (prinzipiell, in der Umgangssprache sieht das dann wieder anders aus) keinen Artikel „der, die, das“ gibt, fällt diese Qualifizierung schonmal weg. „opettaja“ heißt einfach sowohl Lehrer als auch Lehrerin, ebenso das Wort für Partner, Partnerin „puoliso“ (ebenso Ehepartner/in „aviopuoliso“). (Wenn man das sehrsehrsehr betonen will, dass es sich um eine Frau handelt, kann man an die Worte eine aus dem Schwedischen übernommene Endung „-tar“ anhängen, also „opettaja-tar“ für Lehrerin oder „ystävä-tär“ für Freundin, aber macht kaum jemand. Auch gibt es bei einigen wenigen Berufsbezeichnungen verschiedene Worte für Frauen und Männer, aber ansonsten fast keine Möglichkeit zu unterscheiden.)

Auch bei den Personalpronomen gibt es für die dritte Person nur ein einziges Wort „hän“, welches dann ‚er, sie, es‘ sozusagen in Personalunion bedeutet.  „Hän käy koulussa.“ kann dann sowohl „ER geht in die Schule.“ als auch „SIE geht in die Schule.“ als auch „ES (z.B. das Kind) geht in die Schule.“ heissen. Aber keine Sorge, meistens wird aus dem Gesprächszusammenhang deutlich, wer gemeint ist. 😉

Ach so, und JA! das ist seeeehr angenehm für den Finnischlernenden.

Zurück zu unserem Interview mit Johanna Korhonen. Man hatte also wohl die ganze Zeit nur über „hän“ und den/ die „puoliso“ gesprochen, und war automatisch davon ausgegangen, dass es sich um einen Mann handeln musste. Zugegebenermaßen soll seitens der Journalisten wohl mal das Wort „mies“ [sprich: mi-es] ‚Mann‘ gefallen sein, und Johanna liess dies unkommentiert so stehen, aber ohne diese Tatsache hätte man wohl eine halbe Stunde lang über jemanden geredet, ohne sich über dessen Geschlecht zu verständigen. Und war dann eben sehr geschockt als dieses Geschlecht des Partners herausgefunden wurde. Die Geschichte ging damals in Finnland ziemlich durch die Medien, auf finnisch gibt es das unter anderem hier. Hach ja, ich liebe die Finnen. 😉

Da fällt mir noch eine kleine Geschichte ein, die mir mal passiert ist. Finnen geben ihren Kinder zuweilen sehr schöne, aber auch für unsere Ohren sehr ungewöhliche Namen, wie „Satu“ [Märchen], „Toivo“ [Hoffnung], „Onni“ [Glück] und bisweilen wird es dann für den ungeübten Finnischlernenden sehr schwierig zu erkennen, ob das ein Jungen- oder ein Mädchenname ist, eben weil diese Worte von sich aus ja kein Geschlecht, keine Unterschiedung nach männlich-weiblich haben. Vor einigen Jahren schrieb ich eine Seminararbeit, in der ich finnische Lernwörterbücher (das sind z.B. die, in denen die Wörter nach thematischen Gruppen geordnet sind) analysieren sollte. Eines dieser Lernwörterbücher war von einer/ einem gewissen „Vuokko H.“ geschrieben und ich konnte nicht sagen, ob sich hinter diesem komischen Namen ein Mann oder eine Frau verbirgt. Zuerst dachte ich, dass es ja für die Arbeit egal ist und fing an zu schreiben. Ziemlich schnell aber bekam ich große Schwierigketien, denn ich konnte ja nicht einfach schreiben „Der Autor beschreibt in seinem Buch…“, denn was, wenn es sich um eine AutorIN handelt? Ich versuchte also, solche Sätze zu vermeiden und schwitzte und bastelte und schrieb in mindestens jedem zweiten Satz „Vuokko H. zeigt, das…“, „Vuokko H. beschreibt…“, „Vuokko H. …“ und Konsorten. Aber es half alles nichts, ich stolperte immer wieder und spätestens bei jedem zweiten Wort Satz über das Possessivpronomen „sein Buch“ oder „ihr Buch“. Schließlich gab ich entnervt auf und schrieb meiner Finnischlehrerin eine verzweifelte Mail und fragte sie, was in aller Welt für ein Name das sei.

Vuokko bedeutet „Anemone“ und ist daher wohl eher ein Frauenname. 🙂

Advertisements

6 Kommentare zu „Auf das Geschlecht kommt es an!?

  1. Interessant (also die finnische Grammatik 😀 ). Im hebräischen könnte sowas nie passieren. Die unterscheiden in den Verbformen nämlich nicht nach 1., 2. und 3. Person Sg. bzw. Pl. sondern nach männlich/weiblich und Sg./Pl. genauso bei den Pronomen, Du, Ihr und Sie haben jeweils männliche und weibliche Formen.

    Gefällt mir

  2. Glückliche Finnen 😉

    Ich überlege gerade, wie das für mich ausehen würde, wenn ich mal versuchen sollte, sämtliche geschlechtsbestimmende Vokalbeln wegzulassen…

    Ich glaube, der Versuch wäre schon alleine deswegen zm Scheitern verurteilt, weil unser deutsche Sprache da ganz anders „ausgelegt“ ist, und wir von klein auf gelernt habe, genau diese Vokabeln auch zu verwenden.

    Gefällt mir

  3. ein „das“ gibts aber schon. für sachen. das „se“. und in der umgangsprache wird das dann für alle „hän“s verwendet, damit man dann wirklich den überblick verliert…
    (und nicht zu vergessen das „ne“, das das „he“ ersetzt)

    Gefällt mir

  4. Schneemännchen, herzlich willkommen hier! Du hast natürlich recht. Es muss heute morgen doch etwas früh gewesen sein, wie konnte ich nur das „se“ vergessen?

    Herr Momo, dass es nicht funktioniert, sieht man ja an meinen verzweifelten Versuchen, diese Seminararbeit ohne irgendwelche geschlechtsbestimmende Wörter zu schreiben. Ja, das Deutsche ist da irgendwie anders ausgelegt, das stimmt schon. Aber versuchen Sie es ruhig, vielleicht finden Sie eine Lösung. Lassen Sie mich das dann wissen! 😀

    Aoife: Ich sage Dir jetzt nicht, was es zum Beispiel in einigen nordamerikanischen Indianersprachen noch alles gibt… Will ja meine Leser nicht verschrecken! 😉

    Gefällt mir

  5. Jaja, ich war auch mal sehr erstaunt, dass eine Ilkka so viele berühmte Paper geschrieben haben soll. (Denn leider ist es ja immer noch so, dass dann doch eher Männer die grosse wissenschaftliche Karriere machen, auch wenn anfangs sehr viel mehr Frauen Biologie studieren als Männer.) Dabei dachte ich natürlich an den in Deutschland gebräuchlichen Frauennamen Ilka. Ilkka mit zwei K ist ein finnischer Mann.

    (Das macht die Namenssuche für unsere Kinder übrigens immer doppelt schwer.)

    ((Und neuerdings, wenn ich mir nicht sicher bin, ob ein Name ein Männer- oder ein Frauenname ist, gucke ich immer hier.))

    Gefällt mir

  6. Karen, Du auch hier! Wie schön!

    Ich glaube, das mit den Männern, die Karriere machen, ist überall so. Das war auch Thema bei diesem Vortrag über Gender Studies. Schau mal in die Reitställe und dann schau Dir im Fernsehen die Profireiter auf den großen Reitturnieren an. Bei der Frauenquote würde jede politische Partei in eine Krise stürzen. 🙂 Bei uns Geisteswissenschaftlern ist es auch nicht sehr viel anders. In der Finnougristik sind wir zwar im Moment bis auf ganz wenige Ausnahmen ein totaler Weiberverein 😉 sowohl auf studentischer als auch auf dozentischer Seite, aber in der Sprachwissenschaft schaut es schon wieder genauso aus, wie von Dir geschildert. Studenten überwiegend Frauen, aber die Dozenten sind dann doch wieder alle Männer.

    na, aber das mit den Namen habt ihr doch gut hinbekommen! Wobei, international gesehen – Janne hab ich in Norddeutschland auch schon als Mädchennamen gehört, zumindest gibt es eine Springreiterin, die Janne-Friederike heisst. 😉
    Vielen Dank für den Link, der ist wirklich sehr nützlich. Hab ich mir schon gespeichert. 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s