Tattoobloggereien oder Körperkult?

Ich muss noch einmal auf das Thema Tattoo zurückkommen. Dass neulich soviele verwirrte Seelen hier landeten und nach „Tattoo“ an sämtlichen Körperteilen suchten, das liess mir einfach keine Ruhe. Kurze Zeit später habe ich dann auch noch beim Zappen einen Bericht im Trash-Boulevard-TV im Fernsehen gesehen, in dem ein Mann sich tatsächlich die Hornhäute (also das Weisse da um die Iris herum) beider Augen blau tätowieren liess, um erstens der erste Mensch zu sein, der sich die Augen tätöwieren lässt und zweitens um strahlend blaue Augen zu haben. Dass das Ganze nicht ungefährlich ist, versteht sich von selbst, oder?

Ich muss zugeben, ich habe zunächst überreagiert und es ist mir jetzt im Nachhinein auch etwas peinlich, davon zu berichten: Ich war erregt entzürnt stockwütend und angeekelt und wenn das Spektakel sich nicht in Amerika zugetragen hätte, hätte ich diesem Mann gerne meine Patientenakte bei meinem Augenarzt (die ist wirklich sehr dick) im Wechsel links und rechts um die Ohren gehauen und ihm sofort im Anschluss die Rechnungen der Fahrschule für meine von vielen Schwierigkeiten begleiteten Bemühungen, als in der Sehkraft Eingeschränkte den Führerschein zu bekommen, geschickt. Wer so mit seiner Gesundheit spielt, der kann auch Arztrechnungen bezahlen! So! Dachte ich. Doch dann habe ich angefangen zu überlegen. Und kam zu dem Schluss, dass dieser Mann Recht hatte. Denn wie die zahlreichen Suchanfragen auf diesen Blog zum Thema Tattoo auch belegen, gibt es heute bereits kaum noch Körperstellen, an denen man sich tätowieren lassen kann und es wäre noch etwas „Besonderes“. Knöchel, Arschgeweih, Nacken, Arm, Bein, großer Zehennagel – hatten wir doch alles schon! Alt und abgelatscht und stääärbenslangweilig! Der Mann hatte also recht. Neue, tätowiertaugliche Körperteile müssen her!

(Nebenbei: Ich hoffe, Sie verstehen jetzt auch meine Beschämung ob dieses peinlichen kleinen anfänglichen Irrglaubens, „SO ETWAS!!!“ dürfe man doch nicht machen. Aber was wäre denn der Mensch, wenn er nicht innovativ und ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen wäre?)

Doch, überlegte ich dann weiter, nach aussen sichtbare, tätowiertaugliche Körperteile gibt es ja nun wirklich nicht mehr, also sollte man sich vielleicht eher nach innen verlagern. Also die Zunge? Garniert mit einer eindeutigen, gepfefferten Message wie etwa „Volleule!“ wäre das sicherlich wirksamer als jede Auseinandersetzung mit Worten. Aber das war mir dann auch zu konservativ und langweilig. Es muss schon etwas wirklich Neuartiges und unglaublich Spannendes sein.

Und während ich dann so langsam ein Organ nach dem anderen durchging und mir überlegte, ob dieses oder jenes Organ sich noch irgendwie dem Körperkult unterwerfen verschönern ließe, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Warum denn nicht Schönes mit dem Nützlichen verbinden? Die Gebärmutter! Reden nicht alle immer von Frühförderung bereits im Mutterleib? Wie langweilig muss das für so einen kleinen Bauchzwerg sein, neun Monate in Mamas Bauch gefangen zu sein zu wohnen und immer nur die Plazenta die gleichen langweiligen Gebärmutterwände anzustarren? Reicht die Beschallung mit Mozart, Schubert und Hörspielen auf Chinesisch von außen überhaupt aus, um die Sinne unseres Nachwuchses angemessen zu fördern? Um auch die visuellen und kognitiven Fähigkeiten möglichst effizient zu fördern, wäre es da nicht viel besser, einfach schon einmal sämtliche Zahlen, mathematischen Formeln, Buchstaben sowie einige Englisch-Vokabeln, „aufgepimpt“ mit ein paar schönen, kindgerechten Bildern von Blumen und Schmetterlingen und Herzchen ganz einfach von innen auf die Gebärmutter zu tätowieren? Doch, das ist es! Das muss doch irgendwie machbar sein und kommt sicherlich auch beim Ultraschall ganz toll als Hintergrundmuster. Warum denn nicht das Schöne mit dem Praktischen verbinden?

Werte Leserschaft, ich darf Ihnen also nun eine echte Sensation verkünden: Ich habe bereits erste Kontakte mit Tätowieren (und natürlich mit dem Fernsehen) aufgenommen, damit mein zukünftiges Kind, welches sicherlich-hoffentlich in einigen (wenigen?) Jahren sich auf die Reise machen wird, nicht durch solche Unterforderung und derartige Verkrüppelung seiner Fähigkeiten und Sinne gestraft wird. Seien Sie gespannt und schalten Sie ja regelmässig den Trash-TV-Sender No. 1 R.TL ein, Sie werden mich dort bald schon live und in Farbe auf der Tätowierbank auf dem OP-Tisch bewundern dürfen! Ich werde dann die erste Frau der Welt sein, die sich ein inneres Organ tätowieren läßt und alle werden mich bewundern für soviel Mut und soviel mütterliche Fürsorge. Hach, was freu ich mich. Man frau muss schließlich sich ständig neu erfinden innovativ sein und auch über Grenzen ÄÄÄÄH-ähäm, ich meinte natürlich: mit der Zeit gehen.

Ach ja, weitere Vorschläge für kindgerechte Inhalte und Layout werden ob sofort hier angenommen!

17 Kommentare zu „Tattoobloggereien oder Körperkult?“

  1. Großartig! Auf mich können Sie zählen.

    In Sachen Layout sollten Sie die Wortteufelin befragen, die kann das. Für den Inhalt wäre ich für „Das Leben ist kein Ponyhof“, das kann das Blag nicht früh genug lernen 😀

    Augen? Tätowieren? Auaauaaua 😯 Solche Menschen würde ich ja gleich in die Klapse einweisen.

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  2. Frau Welt des Wissens! Sie hier? Ich freue mich unglaublich!

    Ja, ich denke auch, für’s Layout sollte ich unbedingt Frau Wortteufel mit ins Boot holen. Vielleicht bekommt der Krümel dann eine Hüpfburg. 😉

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  3. Zimtapfel, mein Kind (meine Kinder) wird (werden) sowieso fünfsprachig erzogen, da müssten es dann schon die französischen, spanischen, englischen, chinesischen und finnischen Verben sein. 😉

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  4. Mal abgesehen von meiner prinzipiellen Abneigung gegen diese Art des Körperschmucks an sämtlichen Körperteilen:

    Ich gebe zu bedenken, dass diese möglicherweise für das werdende Menschenkind sehr lehrreiche Dekoration als prägendes Element für sein zukünftiges Leben sicher nicht nur einseitig aus mathematischen Formeln und konjugierten Verben gleich welcher Sprache bestehen sollte.

    Natürlich müssen dabei auch künstlerische Elemente, wie beispielsweise Werke grosser Maler oder auch der Literatur berücksichtigt werden – ausserdem kann es natürlich auch nicht schaden, schon so früh als möglich mit der politischen Bildung zu beginnen, so dass neben Grundgesetz und Menschenrechts-Carta der UN natürlich auch die Aktuellen Programme der politischen Parteien zur Verfügung stehen sollten…

    Aber ich glaube, all diese Inhalte sind für einen Gebärmutter alleine zuviel, zumindest, wenn sie in Form von Tatoos auf deren Wänden verewigt werden sollen.

    Deshalb erlaube ich mir einfach mal, auf ebenfalls sehr innovative Möglichkeit hinzuweisen, die zudem auch noch die Schmerzen langwieriger Sitzungen auf der Tätowierbank erspart:

    Mein Vorschlag wäre, den Uterus mit einem Bildschirm auszustatten, der dem neuen Menschenkind mit täglich wechselnden Inhalten die Möglichkeit bietet, sich schon mal vorab umfassend über die Welt da draussen zu informieren, sich zu bilden, und auch seine musischen Fähigkeiten zu entwickeln.

    Allerdings sollte bei allem Bildungsanspruch doch darauf verzichtet werden, das Menschlein schon im Mutterleib mit RTL oder anderen Trash-Sendern zu konfrontieren, denn sonst könnte es sein, dass es doch lieber vorzieht, kein Bewohner unsers Planeten werden zu wollen 😦

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  5. Frau Welt des Wissens, auch das ist ja heutzutage alles möglich. Man kann sich doch überall etwas einpflanzen lassen, um Körperteile zu weiten oder zu verkleinen, je nach Belieben. 😉

    Herr Momo, dieser letzte Absatz Ihres Kommentars ist wunderbar. Ja! Ja! Ja! Sie sprechen schreiben ein wahres Wort gelassen aus.

    Auch die Idee mit dem Fernseher finde ich fabelhaft, ich werde umgehend mit dem Trash-TV-Sender meines Vertrauens in Verhandlung treten, ob wir das Konzept der Sendung noch ändern können. Wie gesagt, meine Kinder sollen mal die Chance haben, etwas aus ihren Anlagen zu machen!

    (Ich bin auch gegen diese (übertriebene) Tätowiererei und Körperkult und so weiter. Ebenso wie gegen Frühförderungswahn(sinn). Ich denke, das merkt man, oder?)

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  6. ich hoffe, Ihr bedenkt auch, daß das noch nicht geborene möglichst früh mit dem PC in Kontakt kommt, so daß es sich dann auch mühelos in der virtuellen Welt zurecht finden kann. Mal abgesehen davon, daß es ja dann schon Beizeiten sich über Wikipedia und andere informative Seiten informieren kann.
    Wobei ich auch da zu bedenken gebe, das es sich der Neuankömmling noch mal überlegen könnte, wenn er das ganze Elend der auf sich zukommenden Welt schon vor Betreten derselben kennenlernt 😉

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  7. Also, eine Standleitung oder Satelitenfernsehen im Uterus – nö.
    (Bedenke die Tritte!!!)
    Aber so gegen ein LMAA auf der ZUNGE – Danke Ansku! ;)) – lass ich gleich mal morgen reinmeisseln… Bei Bedarf Zunge rausstrecken ist ja ein Klassiker, und , nein ich fühl mich dafür nicht zu alt.
    🙂

    (LMAA – Lächle Mehr Als Andere) oder was dachtest Du?

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  8. Da ist aber keine Standleitung nötig, Bluetooth al deahtlose Lösung würde wohl reichen, da ist auch der Elektrosmog nicht so hoch – und der würde dem kleinen Würmchen möglicherweise doch schaden.

    Womit wir dann wieder beim Blau des Eröffnugsposting wären, dass wenn’s schon nicht ins Auge geht, doch wieder mal in aller Munde kommt. 😀

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  9. Mensch! Super, dass hier soviele Technikexperten und kreative Köpfe auf einem Fleck beisammen sind. Da kann das doch gar nicht mehr schief gehen.

    Frau Momo, schön Sie auch hier zu sehen! Ach I wo, das Ungeborene wird ganz hin und weg sein und gleich mal doppelt so schnell wachsen, damit es endlich rauskommt und diese tolle spannende technisierte Welt live und in Farbe erleben darf!

    Buchstaeblich, Implantätowieren, das ist ein wunderbares Wort und hat sicherlich Zukunft! Soll ich zur Ausarbeitung dieses Konzeptes Verbindungen zu den entsprechenden Fachleuten herstellen?

    So ein Mist, jetzt war Frau Welt des Wissens schneller. Ich hätte es auch gewusst, nämlich es muss heissen: „Aber so gegen ein LMAA auf der ZUNGE hätte ich auch nichts einzuwenden.“ Hach menno.

    Herr Momo, es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Körperstellen, die man dementsprechend verschönern könnte, wir müssen uns nur anstrengend und innovativ sein!

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