Aha-Erlebnis

Dem/ der einen oder anderen hab ich das schon erzählt, aber weil ich es so nett fand, möchte ich es hier nochmal aufschreiben. Vor zwei Wochen in Wien, da hatte ich so ein Aha-Erlebnis, ein äußerst interessantes.

Mit der liebsten Freundin war ich an meinem letzten sonnigen Wien-Montag im Kunstmuseum (Leopold-Museum). Dort war gerade eine Ausstellung über Christian Schad, ein mir bis dato unbekannter Künstler, aber er hat sich dann doch sehr schnell als sehr vielseitig und sehr spannend herausgestellt. Am Anfang der Ausstellung wurde wie so oft ein kleines Filmchen über sein Leben und sein Werk gezeigt. In dem Filmchen erzählte seine Witwe etwas über eine Bilderserie von ihm, in der er Gesichter gezeichnet bzw. gemalt hatte. Diese Gesichter waren „geteilt“, in der Mitte ging ein Strich durch das Gesicht und die linke und rechte Hälfte schienen zunächst etwas verzerrt. Schads Ehefrau erzählte dann, dass diese Bilder oft als die Zerrissenheit im Inneren des Menschen interpretiert wurden, als etwas tragisches, dabei wäre das eigentlich gar nicht die Absicht des Künstlers gewesen, dies darzustellen. Vielmehr war die Absicht Schads, die beiden wichtigsten Perspektiven in der Kunst, nämlich Frontalansicht und Profil in einem Bild zu vereinen. Das fand ich sehr spannend und ich fragte mich, wie sich Kunstexperten so irren können und obwohl sie sich jahrelang tagein tagaus mit Kunst beschäftigen, diese einfach, simple Absicht des Künstlers nicht erkennen können.

Und plötzlich dachte ich, dass ich mir diese Frage auch schon oft bei der Literatur gestellt habe. Zum Beispiel damals, wenn wir in der Schule berühmte Werke lasen und dann wurde daran heruminterpretiert und herumgedoktort und das Werk zerpflückt, dass es ein Graus eine Freude war. Für mich blieb da oft ein fahler Beigeschmack, ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen etwas so kompliziert und so verschleiernd schreiben. Später in der Uni habe ich ein paar Male, wenn die Gelegenheit sich ergab, Gastvorträge oder Seminare von Gastdozenten über finnische Literaturgeschichte besucht. Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe allergrößten Respekt vor Menschen, die so etwas analysieren können, ich sass in diesen Kursen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, welch Fülle an Motiven und Bildern sich in den Texten fand. Es ist einfach nur ein Bereich, der sich mir bis jetzt – obwohl ich mich durchaus für Literatur interessiere und begeistern kann – nicht erschlossen hat. Ich kann da nichts oder nur sehr wenig herauslesen, ich arbeite gewöhnlich mit Lauten und Morphemen (= grammatikalischen Einheiten), das sind sozusagen „hard facts“, wo es wenig bis gar nichts zu interpretieren gibt. Und somit ist mir dieser kleine feine Schlüssel, wie man aus einem literarischen Text die wirkliche Absicht des Autors bzw. Künstlers, die dahintersteht, herauslesen kann, bis heute verborgen geblieben und ich habe mich immer wieder gefragt, ob es diesen Schlüssel überhaupt gibt oder ob das ganze doch nur ein lustiges Ratespiel mit einer Gewinnchance von 1: x ist.

Aber Rettung aus meiner Not naht! Ich habe diese Geschichte letzte Woche der liebsten Ungarischlehrerin-Freundin und gleichzeitig größten Attila Jozséf-Expertin diesseits des Urals erzählt und demnächst werde ich wohl bei einer unserer Kaffee-Monatsfeier-Konferenzen* eine kleine feine Einführung in das Werk Attila Jozsefs in die geheime Welt der Dichter und Denker bekommen. Vielleicht komme ich dabei dem Schlüssel zu dem Ratespiel etwas näher.

(* Die allerliebste Ungarischlehrerin-Freundin und ich, wir haben nämlich beide an einem 14. des Monats Geburtstag und daher ist der 14. sowieso schon von vorneherein als der beste Tag des Monats anzusetzen und das muss natürlich gefeiert werden – Monat für Monat. Wehe, es wagt jetzt irgendjemand zu wiedersprechen und einen anderen Tag als den besten Tag im Monat zu sehen!!! 😉 )

2 Kommentare zu „Aha-Erlebnis“

  1. Ich habe mit dieser ganzen Interpretiererei zu tun: Germanistik und Kunstgeschichte, mehr Labern geht schon fast nicht mehr 😉

    Bis jetzt bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß es DIE Absicht des Künstlers gar nicht gibt, bzw. es unmöglich ist, die zu erkennen. Es ist alles Interpretationssache, alles subjektiv, auch wenn es Objektivität beansprucht. Warum das Ganze? Es ist der Versuch zum Verständnis. Das Verständnis, 100%es, faktisch Belegbares wird es niemals geben. Aber man kann versuchen, sich über die Literatur/Kunst/Sekundärliteratur einzufühlen, sich anzunähern und sein eigenes Verständnis zu erweitern. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich selber lieber vermeide, die Absichten des Künstlers zu interpretieren, sondern viel lieber die Wirkungen auf den Betrachter analysiere, um darüber zum Verständnis des Werkes zu kommen.

    Im Grunde sinnlos? Vielleicht? Aber es muß ja auch nicht alles Sinn machen 😉 Es geht nicht um den „Treffer“, um harte Fakten, sondern ums Verstehen, Erweiterung des Wissens vielleicht? – das ist wahrscheinlich der Grund, warum geisteswissenschaftliche Fächer oft für – hart gesagt – sinnfreie Schmarotzerfächer für höhere Töchter und Spinner gehalten werden.

    Das ist meine kleine Ansicht dazu. 🙂 Schönen Gruß aus der Ferne!

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  2. Danke Eumelmama für Deinen Kommentar! Es ist doch immer wieder interessant, wie man beim Bloggen Leute aus allen Fachbereichen trifft und ach ja, ich kenne das mit den sinnfreien Fächern selber gut genug. 😉 Wir Linguisten werden auch oft genug als „Exoten“ bezeichnet.
    Ich finde Deine Erklärung sehr schön, ich glaube auch nicht, dass es möglich ist, DIE Absicht des Künstlers zu erkennen. Aber eine Annäherung über eine Analyse der Wirkung hilft sicherlich schon einiges. Das könnte ich mir vorstellen. Bin mal gespannt, was ich da demnächst von meiner Lehrerin zu hören bekomme. 😉

    Und nein, sinnlos ist das garantiert nicht (hab ich das so ausgedrückt? Nein, das wollte ich nie, ich finde das wirklich beachtenswert und faszinierend). Man kann immer sein Wissen erweitern, auch wenn einige Leute das nicht kapieren.

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