Mein grosser Freund Stuve

Stuve (Studierendenmiteverwaltung) ist toll! Wer sich für Stuve engagiert, ist megahip, weil engagieren und seine Meinung äussern ist absolut in. Also bin ich heute abend meinen studentischen Pflichten nachgekommen und zu einer Sitzung des FSK (Fachschaftskonvent) gegangen, ein Gremium aus gewählten Fachschaftsvertretern, welches zumindest meines Wissens nach keine wirkliche Entscheidungsmacht hat. Man kann da also viel diskutieren, aber wenig in der Unileitung entscheiden mitreden. Die ideale Plattform für engagierte Studenten wie mich.

Dank dieser ehrenvollen Tätigkeit gerate ich zum zweiten Mal in zwei Tagen in ein U-Bahn-Chaos, Panne, nichts geht mehr, und komme eine halbe Stunde zu spät. Es befinden sich ca. 50 Studenten in einem Hörsaal. Alle Fächer vertreten und zu meinem grossen Erstaunen finden sich doch relativ wenig Anzuträger und Gucci-Tussis, aber auch wenig Ökos und Alternative. Ich dachte immer, der Laden besteht nur aus topgestylten Anglistik-Studentinnen, die früher auch alle schon brav in der SMV tätig waren, weil es ist ja schick, sich zu engagieren. (Ein grosses Sorry an alle Anglisten, die hier mitlesen!!! Es gibt natürlich auch andere Anglisten, und zu meiner Verteidigung: Diese Info mit der SMV habe ich von einer Nebenfach-Anglistin. 😉 ) Als ich und zwei andere Mädchen eintreten, brandet Applaus auf und ich bin irritiert, denn ich kenne hier keinen Menschen Studenten. Doch anscheinend sind wir durch die zusätzlich Eingetroffenen nun beschlussfähig geworden. Toll, da sieht man/ frau (mit freundlichem Gruss an das Gleichstellungsreferat), dass sich die Leute gerne engagieren.

Bereits bei dem ersten Tagesordnungspunkt beweist sich das nette Miteinander hier. Es geht um die Wahl des neuen Geschäftsführers, aber Ilona ist dagegen, den heute zu wählen und erklärt auch warum. Weil sie jedoch kein Mikro hat, ein walkie-talkie-ähnliches Ding, dass von einem netten sportlichen Komilitonen während der ganzen Veranstaltung durch den Hörsaal von Redner zu Redner herumgetragen wird und von den Studenten mehr oder weniger ungeschickt verwendet wird, versteht man in den hinteren Reihen kaum etwas von Ilonas Rede, Gemurmel wird laut und jemand ruft, dass er nichts verstanden hat. Daraufhin Ilona über die Schulter nach hinten „Das musst Du nicht verstehen.“ Hauptsache, sie hat es verstanden. 🙂
Es entsteht also eine lebhafte, sehr eloquente Diskussion darum, ob man denn nun heute wählen sollte oder vielleicht doch erst in zwei Wochen und ca. 10 min. später ist allen klar, dass wir ja hier „sozusagen die Exekutive wählen“ (es wird sogar mit Fachbegriffen um sich geworfen!), also wird die Wahl verschoben.

Inzwischen gab es eine Verwarnung und Belehrung für Störenfried S., der meint, ständig zwischenreinquatschen zu müssen. Selbiger Störenfried, Stefan aus der Mathematik, stellt dann auch gleich darauf einen Antrag, den Tagesordnungspunkt 11.1 vorzuziehen. („und zwar weil… öööh was hab ich da nochmal geschrieben?…“) Er möchte, dass Herr Thomas H., aus seinem Amt entlassen wird, weil er zuwenig hochschulpolitisch aktiv ist (ich kenne Herrn Thomas H. leider nicht, denn ich studiere nicht Mathematik, demnach weiss ich leider auch nicht, welches Amt er bekleidet und wie gut er es bekleidet). Herr Stefan dagegen scheint sehr politisch aktiv zu sein, denn im Folgenden beschreibt er eindringlich die Zustände in der Mathematik („Ja also, ich war heute in einer Veranstaltung für Lehramtsstudenten und da mussten die Leute auf dem Fussboden sitzen“), unter den Studenten („Es gibt sehr viele Leute, die unter Prüfungsdruck leiden.“) und in unserer schönen Stadt allgemein („In unserer Stadt leiden sehr viele Menschen, es gibt Kranke, Einsame, Selbstmörder… 716 Menschen haben sich 2007 in München umgebracht und wir wollen die Elite sein, also müssen wir da auch was tun“) Er wird immer heftiger, jedoch bald unterbrochen und der Tagesordnungspunkt wird abgebrochen. Daraufhin wird der Stefan noch ausfallender und drohender dass mir schon etwas angst und bange wird tigert zwischen seinem Platz und dem Rednerpult hin und her, fällt Leuten ins Wort und schreit schliesslich, als er sein Vorhaben gescheitert sieht, bedrohlich wütend, dass wir gar keine Ahnung hätten, wir würden uns nur mit uns selber beschäftigen und wir sollten uns die Zahl 716 merken. Dann wird er vor die Tür gebeten, bzw. er geht freiwillig, jedoch nicht ohne die Türe ordentlich zuzuknallen.

Es geht weiter und es wird viel geredet und viel abgestimmt. Bei so wichtigen Versammlungen läuft das nämlich so, dass man zuerst abstimmen muss, ob man eigentlich abstimmen möchte, um dann schliesslich endlich abstimmen zu können, dass man an irgendeinem schönen Abend im kommenden Monat in einer extra Sitzung über die Grundsätze des FSK reden und abstimmen möche. Man sieht, es herrscht tatsächlich Diskussionsbedarf, schliesslich gibt es diese Ordnung in dieser Form ja auch schon erst fast ein Jahr. Und ich weiss, dass ich an diesem Tag ganz plötzlich ganz ganz schlimme Migräne haben werde. Also werden im Folgenden in schöner Regelmässigkeit rote, gelbe, blaue und grüne Kärtchen (Das hat mir keiner gesagt! Warum hab ich keine Karte???) geschwenkt, um abzustimmen, ob jemand dagegen ist abzustimmen – oder so ähnlich.

Die Diskussion um die Geschäftsführer ist noch nicht zu Ende. Auf der Bank vor mir taucht inzwischen ein Harry Potter auf und ich grinse, während ich gemütlich mein Abendbrot vertilge. Es wird eifrig und engagiert um Personlia, Kandidaten, ehemalige Geschäftsführer und weitere Unwichtigkeiten diskutiert. Abermals erhitzen sich die Gemüter, es fallen ein paar heftige Kommentare, dass dieses Amt ja ein Full-Time-Job ist, weil zu wenig Leute mitarbeiten und die Kommunikation untereinander mehr als schlecht ist. Es tritt kurzzeitig Stille ein, alle sind sehr betroffen. Doch dieses Thema ist bedeutend weitläufiger, als man denken mag. Ein Student (Philosoph? Politiologe??) macht die brisante Bemerkung, dass eindeutig zu wenig passiert, weil die Entscheidungen, die in dieser Versammlung getroffen werden, nicht nur entschieden, sondern auch ausgeführt werden müssen. (Ha! Politologe, eindeutig!!) Wir müssen also unsere Arbeit grundsätzlich überdenken, denn auch das Referat für Hochschulpolitik ist mit nur einer Person besetzt, der dann auch relativ wütend und eindringlich seine Lage schildert. Das klingt alles wirklich sehr dramatisch, und ich weiss noch genauer, dass ich an besagtem Mittwoch im Mai Migräne bis zum Umfallen haben werde.

Die brisante Diskussion setzt sich fort, es geht darum, ob Fachschaften die Daten über die Verwendung von Studiengebühren weitergeben bzw. veröffentlichen dürfen. Dieser Tagesordnungspunkt erstreckt sich eigentlich über den ganzen Rest der Veranstaltung, denn ein paar besonders schlaue und technisierte Komilitonen haben ihre Laptops ausgepackt und forschen intensiv nach E-Mails und Gesetzestexten, die über die Schweigepflicht von Fachschaftsvertretern aufklären sollen, um sie sich dann zu jeder unpassenden Gelegenheit sobald sie es gefunden haben, einfliessen zu lassen. Sämtliche Eventualitäten werden dabei mit einbezogen: „wenn es so wäre (gewichtige Pause), dass…“

Im Folgenden kommen zwei Situationen, die ich zu meinem grossen Bedauern nicht so ganz verstanden habe: Komilitone A. bittet, die Protokolle dieser illustren Versammlung in Zukunft verständlicher zu schreiben (Studenten und verständlich? Was denkt der denn??), denn „schliesslich arbeiten wir ergebnisorientert“. Doch es gibt eine Gegenstimme, die einwirft „Es ist ja nicht gesagt, WIE ergebnisoriert“, woraufhin A. genervt abwinkt und verspricht, das Protokolle schreiben das nächste Mal selber zu übernehmen. Ich nehme jetzt mal zu Gunsten dieser anderen Person an, dass er sich nur vorm Protokollschreiben drücken wollte.
Die nächste Situation, es soll ein neues tolleres Stuve-Logo geben und verschiedene Entwürfe stehen zur Auswahl. Wieder einmal geht es um den Abstimmungsmodus, denn verschiedene Modi könnten ja verschiedene Ergebnisse bringen. Schliesslich wird als ultimative Lösung vereinbart, für beide Logos einzeln mit „ja“ und „nein“ abzustimen „und wenn wir für beide Logos ein NEIN bekommen, müssen wir sowieso von vorne anfangen.“ Schliesslich wird also abgestimmt, dass wir nun so abstimmen wollen (erwähnte ich mal, dass wir ziemlich viel Zeit fürs Abstimmen verbraucht haben?) und „über den Schriftzug können wir uns ja dann noch gesondert unterhalten“. Gottseidank nicht mehr heute.

(Stefan ist zwischenzeitlich zurückgekommen, tigert weiterhin durch den Raum, ruft zwischenrein und fordert die Absetzung von Thomas H., schleicht weiter durch den Raum, geht zum Fenster, lehnt sich zum Fenster, kommt zu mir und quatscht mich von der Seite an, was ich denn da schreibe (Blog-Notizen 😉 ), ich fauche ihn an, dass ich gefälligst zuhören will. Will ich ja eigentlich gar nicht, aber…)

Auf der Zielgeraden gibt es nochmal erhitzte Diskussionen, müssen wir (muss das AntiFa-Referat) zu dem alljährlichen Gebirgsjägertreffen in Mittenwald Stellung beziehen? Und zu dem Coca-Cola-Plantagen in Kolumbien sowie den erbärmlichen Arbeitsbedingungen dort? Argumentation: Immerhin sieht man an der Uni tagtäglich etliche tausend Leute mit Coca-Cola-Flaschen herumlaufen, deshalb betrifft uns auch Kolumbien! Oder liegt das vielleicht doch ausserhalb unserer Kompetenzen? Und was sind eigentlich unsere Kompetenzen??? Was wollen wir eigentlich? Gottseidank gibt es ja die Grundsatzdiskussion in ein paar Wochen und ich weiss schon wer dann…. Die Diskussion wird noch durch sehr aufschlussreiche Wortbeiträge wie z.B. „Ja, ich finde das auch sehr unterstützenswert. Da besteht noch Informationsbedarf.“ quasi als Sahnehäubchen garniert. Hörrlisch, jetzt wissen wir mehr!

Wir nähern uns dem Ende, die Leute packen einer nach dem anderen ihre Sachen und gehen, so dass der Versammlungsleiter bitten muss, doch zwecks der Beschlussfähigkeit noch kurz zu bleiben. Ganz zum Schluss führen wir uns aber als Krönung des Ganzen noch etwas selbst ad absurdum. Es wird der Vorschlag gemacht, Fachschaftsvertreter als Anerkennung ihrer Arbeit und als Anreiz für mehr Mitarbeit in den Fachschaften von den Studiengebühren zu befreien. Es macht auch ganz bestimmt keinen schlechten Eindruck nach draussen, wenn wir als Studierendenvertretung uns von dem, wogegen wir kämpfen, als allererstes mal selbst befreien… Das haben gottseidank ziemlich schnell viele eingesehen und somit war für mich und einige andere die Sache erledigt und ich hab’ meine Sachen gepackt und dieser geballten Sinnlosigkeit ein Ende bereitet.

Welcome to Abs(t)urdistan! Früher gab’s bei uns den (inoffiziellen) AstA ohne Kompetenzen, den gibt’s jetzt nicht mehr, dafür gibt es jetzt den (halboffiziellen) FSK ohne Kompetenzen, aber das Gequatsche ist gottseidank dasselbe geblieben und mich beschleicht das leise Gefühl, dass ich meinen Beruf als Studentin verfehlt habe, weil ich nicht aus Prinzip dagegen bin und erstmal über alles diskutieren möchte. Ich bin nicht für die Studiengebühren, und schon gar nicht in dieser Höhe, aber deshalb muss ich nicht wissen, wieviel meine Dozenten verdienen, weil ich weiss, dass sie sowieso zu wenig verdienen für die wunderbarst tolle Arbeit, die sie tun. Ich weiss auch, dass bei uns die Gelder vernünftig eingesetzt werden, wir haben viel mehr Möglichkeiten, Gastvorträge, Aktivitäten etc. als früher, also vertraue ich unseren Dozenten, dass sie sich überlegen, wofür sie unsere Studiengebühren ausgeben. Ich bin vielleicht mal wieder gnadenlos naiv und alleine mit dieser Einstellung, aber ich kann mir auch wirklich bessere Beschäftigungen am Mittwochabend vorstellen als zwei Stunden um nichts zu diskutieren.

5 Kommentare zu „Mein grosser Freund Stuve“

  1. Nur zwei Stunden, das ist ja quasi garnichts… bei uns in Aachen tagte der (offizielle) AstA meistens so von 7 Uhr abends bis alle eingeschlafen waren oder so (ca. 3 Uhr nachts).

    Ich bin recht froh, dass ich mich immer nur in Fakultätsgremien in die „Kleinpolitik“ eingemischt habe… da hat man zumindest manchmal das Gefühl, was bewirkt zu haben (ist dann allerdings auch nicht nur mit Hingehen bewerktstelligt, sondern artet manchmal in Arbeit aus).

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  2. Hei Mann, wenn ich wieder da bin, dann kauf ich uns ne riesen Tüte Popcorn, Milchshake und Knabbernüsschen und dann gehen wir mal gemeinsam da hin und lassen uns ordentlich von den freaks bespasen – das is sicher entspannender als ne klangschalenmassage nach einem harten Uni-Tag…

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  3. @ Imke: Boah, da komm ich Euch ma besuchen. Klingt nach jeder Menge Spaß. 🙂 Habt Ihr dann da auch so tolle One-Man-Shows?? :))

    Nun ja, bei uns gibt’s da relativ wenig „Kleinpolitik“, alle Fachschaften sind zusammen in dieser FSK und es gibt dann noch ein Fakultätsgremium, wo ich komischerweise auch drinnen bin (das war ein Versehen!), aber da passiert recht wenig, da gab es seit dem Herbst eine Sitzung mit dem Dekan und mindestens genausowenig Inhalten. Komisches System, das. Wir versuchen uns da auch soweit es nur irgend geht rauszuhalten, denken uns halt nur, dass man so ein ganz kleines bisschen auf dem Laufenden sein sollte, was so los ist. (Nichts wichtiges, wie man sieht.)

    @ Frau P.: Sie haben mich grad für heute um meine MA gebracht!!! Ich bin grad beinahe vom Stuhl gepurzelt vor lachen. Oh ja, das machen wir, ich kann es mir schon lebhaft vorstellen und ich bring auch einen Kuchen mit!! Extrembespassung für Studis – denn wo sollen die „armen Studenten, die so sehr unter Prüfungsdruck leiden“ das auch sonst herbekommen? 😉

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  4. Naja, jetzt bin ich ja fertig (immer noch seltsames Gefühl, nie wieder Uni)… aber bei uns konnte man tatsächlich mit den Profen diskutieren, was und wie die „Kleinen“ im Grundstudium lernen sollen — und wenn man ein Konzept vorher ausgearbeitet hat, dann hatte es tatsächlich Chancen angenommen zu werden, denn sonst hätten die Profen ja auch nochmal Zeit für ein Konzept aufwenden müssen 🙂
    Ich erinnere mich allerdings auch an solche Sitzungen wie deine, zu mindest im Kleinformat in der Fachschaft — da war es sehr hilfreich, dass die Fachschaft immer genügend Bier und Süßigkeiten vorrätig hat 😉

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  5. Als Anglistikstudentin kann ich dir nur zustimmen was du über Anglistinnen sagst… mind. 75% sind tatsächlich so *grusel* und ich bin gerade froh, dass ich mich bisher nicht in der Faschschaft o.ä. engagiere (übrigens früher auch nicht in der SMV 😉 ) (nicht das BA-Studenten für sowas Zeit hätten)

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