Vor ein paar Wochen war ich auf einem Vortrag über den Schatten. Ich fand das eigentlich sehr logisch und erhellend, in vielen Punkten aber nicht unbedingt neu für mich, was beispielsweise bestimmte Denkweisen angeht. Aber egal, kurz zusammen gefasst:
Der Schatten eines jeden Menschen ist genau das, was man nicht und niemals nimmer sein möchte. Das, was nicht sein „darf“. Das, was verdrängt wird (das ist dann der dunkle Schatten). Das, was man an anderen Menschen immer „gaaanz schröckelisch“ findet, das was so richtig nervt. Das, wofür man sich schämt, was peinlich ist und was man daher gerne vor der Außenwelt gerne und möglichst vollständig verbergen möchte.
Unseren Schatten begegnen wir beinahe täglich, entweder in uns selber, in denjenigen Eigenschaften, die wir an uns nicht so sehr mögen und die wir versuchen, vor anderen zu verbergen: „Das ist mir jetzt aber peinlich.“ Das sind die Teile von uns, die von unserem Idealbild unserer selbst abweichen und die wir daher am liebsten „wegmachen“ würden, z.B. Ungeduld, Faulheit, Ziellosigkeit. Andererseits kann unser Schatten auch aus nicht ausgelebten Talenten, Träumen und Fähigkeiten bestehen, das also, was wir an anderen Menschen nahezu grenzenlos bewundern. Oder wir begegnen unserem Schatten in anderen Menschen, denn häufig sind es genau die Eigenschaften an anderen Menschen, die uns so sehr stören, die wir an anderen und aber auch auch für uns selber komplett ablehnen (kommt sehr häufig bei Mutter-Tochter-Beziehungen vor – und ich spreche da aus Erfahrung!!!) und die wir irgendwann dann doch zu unserem großen Entsetzen an uns selber feststellen müssen: „Oh, da bin ich ja irgendwie doch auch so.“ Der Schatten kann auch umgekehrt das sein, was wir an anderen kritisieren, aber wovon wir eigentlich für uns selber ein bisschen mehr wünschen. Ein Beispiel: Den Kollege in der Firma, der uns tierisch nervt, weil er sich immer in den Mittelpunkt drängt, weil er ständig alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, den beneiden wir vielleicht insgeheim ein bisschen, weil er so unglaublich leicht Kontakte knüpft, während es uns selber so unglaublich schwer fällt, auf einer Party aus unserer Ecke herauszukriechen.
Im Leben eines Menschen gibt es verschiedene Arten von Schatten, einmal die gesellschaftlich kreeierten Schatten, das sind Abweichungen vom gesellschaftlich angesehenen Ideal, also gesellschaftlich konventionalisierte Feindbilder, z.B. „Oh die Amerikaner, also die Amis, die sind ja sooo schrecklich oberflächlich…“ Zur Nazi-Zeit waren das dann natürlich die Juden usw. Es gibt einen gemeinsamen Konsens, das man bitte SO! niemals nie und unter keinen Umständen sein möchte oder sein darf. Ein Schatten kann aber auch in der eigenen Familie erzeugt sein, z.B. eine Familie, die stets auf Leistung orientiert ist und in der so etwas wie laissez-faire und Untätigkeit oder sogar Faulheit „verboten“ ist, wird ein vermeintlich „faules“ Familienmitglied, das keine entsprechende Leistung bringt, immer missbilligend ansehen. Ähnlich funktionieren auch persönliche Schatten, das sind dann die Abweichungen von unserer Idealvorstellung unserer selbst. Viele Schatten werden vor allem in der Kindheit geprägt, das sei jetzt einmal ganz wertfrei gesagt. Es liegt schlicht und einfach daran, dass Kinder grundsätzlich sehr viel tun, um den Eltern/ Bezugspersonen zu „gefallen“, um so zu sein, wie es von ihnen erwartet wird.
Die Orte, wo wir unseren Schatten begegnen, sind sehr zahlreich. Er äußert sich z.B. gesellschaftlich in Witzen über bestimmte Personengruppen (z.B. „die geizigen Schwaben“), allgemeinen Abneigungen gegenüber Menschen, Impulshandlungen wie z.B. Freud’schen Versprechern; Träumen, aber auch manifestiert und „zelebriert“ in Horrorfilmen, PC-Spielen. Er kann sich äußern in Schuld- und Schamgefühlen, in Religion und Spiritualität und in selbstauferlegten Verhaltenskodexen. Und letztendlich auch in Beziehungen wie auch der Beziehung zu unserem eigenen Körper.
Und noch etwas besonderes hat es mit dieser Schattengeschichte auf sich: Je mehr wir den Schatten bekämpfen, desto größer wird er. Je ungeduldeter eine Sache ist, desto mehr wird sie zum Problem, denn sie war ja von Anfang an ungeliebt und ungeduldet und nicht erwünscht. Und je mehr man diese Sache bekämpft, desto ungeliebter und ungeduldeter wird sie und desto mehr bauscht sie sich auf. Das einfach „wegmachen“ zu wollen funktioniert nicht, demnach bleibt nur, sich mit dem Schatten anzufreunden und ihn als Teil von sich selbst zu akzeptieren. Und plötzlich ist diese „böse Sache“ gar nicht mehr so böse und der Schatten gar nicht mehr so bedrohlich und beängstigend.
Seit ich also um diesen meinen Schatten weiss, nehme ich ihn auch bewusster wahr. Das finde ich an sich nichts Schlechtes. Nur leider hilft wahrnehmen nicht wirklich dabei, den Schatten zu überwinden. Und mein Schatten ist groß zur Zeit, sehr groß. Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft von dieser ständigen Wartestellung, daher wohl habe ich das Gefühl, meinem Schatten täglich mehrmals und an allen möglichen Orten zu begegnen. Ständig und in allen möglichen Situationen treffe ich wieder auf diese Anteile von mir, die ich allzu gerne einfach nicht-existent wissen würde: Ich bin extrömst unsicher. Ich bin eifersüchtig wie ich es noch NIE in meinem Leben von mir kannte. Ich bin ungeduldig, ich bin schüchtern, ich bin unentschlossen, ich bin wirr, ich bin ziellos, ich bin verschlossen… all diese Eigenschaften die man, frau und ich schon gleich ma gar nöcht!! an sich haben möchte und das macht mich alles gleich schon wieder ganz wahnsinnig und ach überhaupt…
Die Erkenntnis, das Wissen um diese Zusammenhänge und die daraus resultierende Fähigkeit, einfach sagen zu können „Ach, hi Schatten. Nice to see you. Wie geht’s denn, alter Haudegen? Bist ja immer noch da! Solltest Du nicht längst weg sein?“ hat zwar irgendwie etwas Beruhigendes an sich, leider hilft es nicht wirklich „über meinen Schatten zu springen“ und dieses ganze blöde Schattengedöns einfach mal hinter sich zu lassen zu akzeptieren und einfach, frei und unbefangen in die Welt hinauszumarschieren. Aber leider hat „Wegmachen“/ „Weggucken“ ja keinen Sinn, also übe ich mich brav im Akzeptieren und glaube brav, dass wenn ich genug akzeptiert habe, sich alles auch irgendwann einmal bald wieder ändern wird und dass der Schatten wieder ganz klein und zahm wird. Oder so ähnlich.
Der kleine Haken an der Sache: Leider ist es eine der schwersten Dinge im Leben, sich selbst zu akzeptieren, so wie man ist, mit allen Ecken und Kanten. Und Schatten.
So unglaublich schwer.
1 Antwort bis hierher ↓
Kassiopeia // Juli 1, 2009 um 10:37
Schöner Beitrag! Diese dämlichen Schatten auch! Fühl dich mal umarmt, du Liebe in der Warteschleife!